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# KOMMUNIKATION

Über die mörderische Macht der Sprache

Am Anfang war das Wort

Haben wir unsere Worte, um Dinge zu bezeichnen, oder sind es unsere Worte, die Dinge erst hervorbringen? Das ist eine alte philosophische Frage und ich maße mir bestimmt nicht an, sie hier zu beantworten. In diesen historischen Zeiten aber fallen beide Deutungen ins Auge – mal ist das amüsant, mal kreativ, mal ärgerlich und manchmal auch brandgefährlich.

Die Krise verändert alles. Natürlich auch die Sprache. Erste Bewerbungen für den Eintrag ins kollektive Wörterbuch sind Neologismen wie „Coronnials“ und „Quaranteens“ für die Generation, die aus dem erwarteten Babyboom nach #stayhome hervorgehen wird. „Claptivism“ beschreibt das Ersetzen wirklicher Aktivität durch Klatschen vom Balkon und hat wohl gute Chancen auch nach der Krise zu überleben, denn wohlfeile Solidaritätsbekundungen und kollektiver Gratismut sind nicht nur resistent gegen Krisen, sie leben sogar davon.

Die neugeschaffenen Bezeichnungen „Mund-Shirt“ oder „Nasenstoff“ empfiehlt eine Rechtsanwaltskanzlei auf Facebook für die glücklicherweise vielerorts nun teilweise unkonventionell hergestellten Masken. Klingt lustig, hat aber einen ernsten Hintergrund. Offensichtlich haben nämlich nun auch einige Juristen mit viel Tagesfreizeit und dafür umso weniger Empathie eine Einnahmequelle darin gefunden, kostenpflichtige Abmahnung an all jene zu verschicken, die solche Masken unter allgemein verständlichen Bezeichnungen verkaufen, verschenken oder sonstwie unters Volk bringen. Grund für das Abmahngeschäft sind Verstöße gegen die produktspezifischen Kennzeichnungspflichten nach §4 des Medizinproduktegesetz. Sprache kann strafbar sein, und zwar nicht nur in Turkmenistan.

Zu den wirklich gefährlichen Sprachvolten aber gehört ein alter Wiedergänger: die „Systemrelevanz“. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Banken- und Finanzwelt und meint Institute, die „too big to fail“ oder „too interwoven to fail“ oder beides sind. Das sind also jene Banken, die durch staatliche Eingriffe gerettet werden sollen, weil sonst das System, wie wir es kennen, gefährdet wäre. Die „Bankenrettung“ im Jahr 2008 hat den deutschen Steuerzahler in der Dekade danach immerhin 59 Milliarden Euro gekostet. Wir haben momentan zwar keine Finanzkrise aber ganz unbestritten eine Krise, und was für eine. Mit der Krise sucht sich auch der Begriff „systemrelevant“ sein Plätzchen.

Jetzt sind es auf einmal Mitarbeiter im Gesundheitswesen, in der öffentlichen Sicherheit, in der Pflege und sogar an der Supermarktkasse, die systemrelevant sein sollen. Und auch der Verband der Schausteller reklamiert für Karusselbetreiber und Geisterbahnen die Systemrelevanz. Sind wir nicht alle ein bisschen systemrelevant? Nein, sind wir nicht. Und hier wird es leider ernst.

Das zweifelhafte Prädikat „nicht systemrelevant“ könnte in Krisenzeiten nämlich einem Todesurteil gleichkommen. Zunächst einem wirtschaftlichen, weil dadurch die staatliche Förderung und Unterstützung durch die Solidargemeinschaft entzogen werden könnte. Aber es könnte auch tatsächlich das Leben, also die schiere physische Existenz kosten.

Wenn es mehr Not gibt als Erlösung, kommt Ethik an ihre Bewährungsprobe. Die Notfallmedizin hat aus dem Sanitätsdienst der französischen Armee im 18. Jahrhundert den Begriff und die Praxis der „Triage“ übernommen. Das bedeutet nichts anderes als zu entscheiden, wer bevorzugt behandelt wird, wenn nicht mehr alle gleich(-zeitig) behandelbar sind. Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass Ethik mehr ist als schöngeistige Spielerei im Elfenbeinturm. Ethik regelt, worauf wir uns als Gemeinschaft verlassen können, wenn es ernst und eng wird.

Ethik definiert die Prioritäten. Auch in einer „Triage“. Für Dan Patrick, den Vizegouverneur von Texas heißt das: „Wirtschaft geht vor Leben“. Nach dem Sterben für Gott, Kaiser und Vaterland nun der Tod für eine neoliberale Wirtschaftsethik? Die Botschaft lautet: „Der Markt wird es richten in seiner übermenschlichen Weisheit, unterwerft euch dem Diktat des Marktes. Wenn es sein muss eben bis zum Tod – insbesondere, wenn ihr „nicht systemrelevant“ seid.“

Welcher ethischen Logik folgen wir also? Das wird in den nächsten Wochen zunehmend zur entscheidenden Frage. Für den homo oeconomicus waren Alte, Kranke, Behinderte, erst recht Sterbende noch nie systemrelevant. Geld für sie auszugeben ist eine glatte Fehlinvestition, der return on investment ist unterirdisch. Gesundheit rein wirtschaftlich als Kostenfaktor zu betrachten, hat aber viele der gigantischen Probleme, mit denen wir nun konfrontiert sind, in hohem Maße mitverursacht.

Es ist nämlich völlig schnuppe, ob eine Krankenschwester „systemrelevant“ ist! Sie ist lebenswichtig! Und würden wir nicht das „System“, sondern das „Leben“ zur Priorität unserer gemeinsamen Ethik machen, wären viele Fragen gar keine Fragen mehr. Momentan passiert an vielen Stellen genau das. Bevor wir „back to normal“ gehen, sollten wir uns gut überlegen, was eigentlich „normal“ ist.

Und weil hier üblicherweise eher Themen aus dem Employer Branding, der Business Culture und der Kommunikation betrachtet werden und sich manch Einer vielleicht wundert, was das damit zu tun hat, hier noch zwei Fragen, über die Führungskräfte nachdenken könnten:

  • Verwenden Sie (vielleicht auch unbewusst) kriegerische Metaphern? Überlegen Sie sich gut, welches Bild sie damit schaffen und welche Urängste das hervorruft.
  • Ist Ihren Mitarbeitern klar, was in Ihrem Unternehmen bei einer wirtschaftlichen „Triage“ entscheidend wäre? Wer müsste zuerst gehen – und warum? Diese Frage kann Ihnen helfen, sich Ihre Werte, Ihre Unternehmenskultur noch bewusster zu machen – und möglicherweise anders zu kommunizieren.

Empfänger von Kommunikation reagieren sensibler in diesen Tagen. Nicht zuletzt deshalb sollten auch Sender mehr Sensibilität wagen. Das macht sich auch sonst ganz gut.

Alexander Szugger
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